Der Kfz-Ersatzteilmarkt steht vor dem größten technologischen Wandel seiner Geschichte. Elektrifizierung, Software-definierte Fahrzeuge und vernetzte Mobilität verändern nicht nur Produkte, sondern ganze Geschäftsmodelle. In seinem Podcast spricht Heiko Löffler, Gründer von Digital Success, mit Marina Ribke, Chief Data & Technology Officer bei TecAlliance, darüber, wie Technologie das menschliche Potenzial vervielfachen kann, warum Daten die neue Währung werden und warum die Zukunft des Aftermarkets in starken Ökosystemen liegt.
Das folgende Gespräch ist eine gekürzte Version der vollständigen Podcast-Episode, die die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Gespräch zwischen Heiko Löffler und Marina Ribke enthält.
Heiko: Hallo und herzlich willkommen zum Digital Success-Podcast - deinem Podcast zu Digitalisierung und Innovation. Heute spreche ich mit Marina Ribke, Chief Data & Technology Officer bei TecAlliance. Marina ist davon überzeugt, dass Technologie das menschliche Potenzial vervielfachen kann: Menschen sollten in der Lage sein, das, was sie gut können, mit Hilfe von Technologie zehnmal besser zu machen. Sie plädiert auch dafür, die Zukunft nicht als Bedrohung zu sehen, sondern als etwas, das wir mutig gestalten können. Ich freue mich sehr auf unser Gespräch. Es ist schön, dass du hier bist, Marina.
Marina: Herzlichen Dank für die Einladung, Heiko. Ich freue mich schon sehr auf unser Gespräch.
Heiko: Was reizt dich an Technologie, Innovation und Wandel?
Marina: Ich bin in der Region Stuttgart aufgewachsen - geprägt von Technik, Mobilität und einem ausgeprägten Optimismus für die Zukunft. Schon früh war ich fasziniert von Unternehmen, die komplexe Technologien entwickeln und soziale Systeme aufbauen, in denen Tausende von Menschen zusammenarbeiten, um ein Produkt wie zum Beispiel ein Auto zu schaffen.
Zur gleichen Zeit entdeckte ich das Internet - ein damals völlig neues, disruptives System. Diese Kombination aus Technik und sozialen Strukturen hat mich sofort fasziniert. Deshalb habe ich Wirtschaftswissenschaften, Informatik und Wirtschaftsinformatik studiert. Seitdem treibt mich die Frage um: Wie können wir soziale Systeme so gestalten, dass sie das Potenzial der neuen Technologien optimal nutzen?
Heiko: Wie beurteilst du die aktuellen Entwicklungen auf dem Kfz-Ersatzteilmarkt?
Marina: Der Ersatzteilmarkt befindet sich aufgrund der Entwicklungen im OEM-Umfeld in einem massiven Wandel: Elektrifizierung, Assistenzsysteme, vernetzte Autos und jetzt auch softwaredefinierte Fahrzeuge. Fahrzeuge werden immer komplexer und Reparaturen immer anspruchsvoller. Gleichzeitig sind in Europa bereits rund 30% der Fahrzeuge vernetzt - in einigen Jahren werden es rund 65% sein.
Das stellt die Werkstätten vor große Herausforderungen: Was für ein Fahrzeug habe ich eigentlich? Wie repariere ich ein EV? Wie gehe ich mit Hochspannung oder komplexer Software um?
Dazu sind Daten erforderlich. Die Erstausrüster müssen Daten zur Verfügung stellen, tun dies aber oft nur in geringem Umfang. Das führt zu Unsicherheit und in manchen Fällen zu einer Untergangsstimmung auf dem Ersatzteilmarkt. Ich plädiere jedoch für einen Perspektivenwechsel.
Heiko: In einer Software-First-Welt ist die neue Währung nicht Geld, sondern digitale Dienstleistungen. Wenn der Aftermarket attraktive digitale Services für den Endkunden schafft, ist das ein neuer Anreiz für die OEMs, gute Daten zu liefern. Welche Rolle spielt TecAlliance bei diesem Wandel?
Marina: TecAlliance wurde gegründet, um den Aftermarket erfolgreich zu machen - durch neutrale, industrielle Lösungen und Datenstandards im nicht-kompetitiven Bereich. Damit sind wir so etwas wie das ‘Schmiermittel’ für den Datenaustausch im Markt.
Aber jetzt stehen wir vor einem Paradigmenwechsel: von Hardware-first zu Software-first. Das bedeutet, dass
- Bestehende Produkte werden nicht die Produkte der Zukunft sein.
- Wir müssen gleichzeitig das Bestehende optimieren UND etwas völlig Neues aufbauen.
- Dies erfordert eine moderne Datenarchitektur, die Interoperabilität und gemeinsame Nutzung von Daten ermöglicht.
Wir arbeiten daher an drei Horizonten:
- Now (Verbesserung der Abläufe),
- Near (moderne Technologie und Datenplattform),
- Next (visionäre Ökosysteme).
Gerade bei Next geht es um diese Ökosysteme: Datenräume, in denen Aftermarket, Großhändler, Werkstätten und Teilehersteller Daten austauschen - und so digitale Dienste schaffen, die Fahrzeuge langfristig mobil halten.
Heiko: Warum sind Ökosysteme notwendig - und warum kann man das nicht alleine machen?
Marina: Kein einzelnes Unternehmen kann das Bedürfnis des Endkunden erfüllen, ‘die Mobilität für 20 Jahre zu sichern’ - weder die Erstausrüster noch die Akteure im Automotive Aftermarket. Die Zukunft ist vernetzt, und Europa wird nur durch Zusammenarbeit in der Lage sein, Ökosysteme zu gestalten.
Meine Vision: Stell dir einen Knopf in deinem Auto vor, der garantiert: ‘Dieses Fahrzeug kann noch 20 Jahre lang repariert werden.’
Ein OEM kann diese Taste nur anbieten, wenn der Ersatzteilmarkt seine Daten und sein Fachwissen beisteuert. Dies wiederum erfordert einen gemeinsamen Datenraum - ein Ökosystem.
Heiko: Was braucht ein Unternehmen, um echte digitale Innovation zu ermöglichen?
Marina: Digitalisierung ist 20% Technologie, 40% Prozesse & Daten und 40% Menschen & Kultur. Die wichtigsten Dinge sind:
- Ein starkes, positives Narrativ für die Zukunft
Europa fehlt es derzeit oft an einer Vision, die die Menschen inspiriert. Aber Menschen folgen Geschichten. Ohne eine Geschichte, die sie für die Zukunft begeistert, wird es keinen Wandel geben. - Lernfähigkeit statt Wissenssouveränität
In der Vergangenheit war Wissen Macht. Heute ist die Fähigkeit zu lernen der entscheidende Wettbewerbsvorteil. - Radikale Kundenorientierung
Auch im B2B muss der Endkunde wieder sichtbar werden: Was hilft ihm? Was schafft echten Wert? - Eigentümerschaft
Beschwer dich nicht. Warte nicht. Übernimm Verantwortung. - Offene Denkweise und datengesteuertes Handeln
Stellen Sie den Status quo in Frage. Diskutieren Sie nicht über Meinungen, sondern über Daten. - Bewusst verschiedene Horizonte trennen
Effizienz im Hier und Jetzt erfordert andere Menschen als Vision und Ökosystemdesign.
Heiko: Was sollten die Zuhörer aus diesem Gespräch mitnehmen?
Marina: Die Zukunft liegt in unseren Händen. Die Technik bietet uns unglaubliche Möglichkeiten. Wir können eine große Zukunft gestalten - wenn wir mutig sind, offen bleiben und uns trauen, neue Wege zu gehen. Für dieses Szenario setze ich mich ein, und ich lade alle ein, sich mir anzuschließen.
Am einfachsten bin ich erreichbar unter LinkedIn. Weitere Informationen über unsere Plattform für vernetzte Fahrzeuge gibt es auf der CARUSO Website.